8BitPapa

Ricks Jakobsweg Berlin ↦ Leipzig (1/​3)

Abschnitt Berlin ↦ Beelitz (108 km) entlang der Via Imperii

Sei­te wei­ter­emp­feh­len oder spä­ter wei­ter­le­sen

Kar­te auf Voll­bild­schirm anse­hen oder
Plan- und Gelau­fen-Ver­gleich auf Goog­le Maps oder
Rick’s Jakobs­weg-GPX-Datei her­un­ter­la­den (Stand 12.10.2020)

Hin­ter­grund zu die­sem Jakobs­weg, war­um ich ihn emp­feh­le und nicht emp­feh­le, und wie man mit den her­un­ter­lad­ba­ren GPX-Datei­en arbei­tet, gibt es auf die­ser Sei­te:
Hin­ter­grund und GPX-Infos zum Jakobs­weg Ber­lin ↦ Leip­zig

Berlin-Pankow ↦ Berlin-Steglitz
(Tag 1/​11)

Jakobs-Kilo­me­ter: 25 km (brut­to 31 km)

Mein Start­da­tum für die­sen Jakobs­weg war von eini­gen lebens­ent­schei­den­den Ereig­nis­sen abhän­gig: Der drit­te Geburts­tags­tag mei­nes Sohns (an die­sem Tag hol­te ich mir auch gleich den Pil­ger­se­gen vom ben­an­ch­bar­ten Fran­zis­ka­ner­klos­ter Pan­kow — herz­lichs­ten Dank auf die­sem Wege an Bru­der Franz-Leo). Und, am Tag dar­auf, eben­falls vor drei Jah­ren, begann ich eine onko­lo­gi­sche The­ra­pie, die bis heu­te mein Leben ver­län­gert (dafür auch die schwar­ze Awa­ren­ess­schlei­fe am Ruck­sack). Das sind her­vor­ra­gen­de Grün­de zu fei­ern. Und auch Grün­de, etwas Außer­ge­wöhn­li­ches, etwas Neu­es aus­zu­pro­bie­ren, das schon immer auf mei­ner Bucket List stand: einen Teil des Jakobs­wegs zu gehen. Das Ori­gi­nal nach Sant­ia­go de Com­pos­te­la fällt die­ser Tage wegen Coro­na lei­der aus. Aber auch in Deutsch­land gibt es »Original«-Wege, die sich an alten römi­schen Rou­ten und eta­blier­ten Han­dels­rou­ten ori­en­tie­ren.

Als Fami­li­en­va­ter fiel die Ent­schei­dung trotz­dem nicht ein­fach. Doch die Argu­men­ta­ti­on war schlüs­sig: Papa geht auf Kur, und das wird im gut tun. Der Ruck­sack wur­de mit 10-kg-Ober­gren­ze gepackt (hier geht’s zur Jakobs­weg-Ruck­sack-Pack­lis­te mit aus­führ­li­cher Ent­schei­dungs­fin­dung), alle Social-Media-Kon­tak­te infor­miert (, so dass ich auf kei­nen Fall einen Rück­zie­her machen konn­te), alle Unter­künf­te gebucht. Zufäl­li­ger­wei­se führt kei­ne 100 Meter ent­fernt von der Haus­tür der offi­zi­el­le Jakobs­weg vor­bei — am Wan­der­weg Nr. 5 ent­lang der Pan­ke. Ich begin­ne mei­nen Weg also in Ber­lin-Pan­kow.

Klar, wer den Jakobs­weg an der Haus­tür beginnt, kennt die unmit­tel­ba­re Nach­bar­schaft und wird die nächs­ten 25 km kei­ne Über­a­schun­gen erle­ben. So prä­sen­tie­ren sich auch mir die ers­ten zwei Dut­zend Jakobs­ki­lo­me­ter als typi­sche Städ­te­ar­chi­tek­tur mit viel Beton und Stra­ßen, aber auch eini­gen schö­nen Parks. Bei der Weg­pla­nung wur­de für Ber­lin der Wan­der-Haupt­weg Nr. 5 her­an­ge­zo­gen, der z. B. sehr lang am Flüss­chen Pan­ke ent­lang­führt, einem Zufluss der Spree (beginnt in Ber­nau, Ende in der Havel, dann Elbe, dann in die Nord­see). Aber die­ses Mal spa­zier­te ich ent­lang der Pan­ke mit einem neu­en, ein­zig­ar­ti­gen Gefühl: Ich wür­de die­sen Weg in die­se Rich­tung nur ein Mal gehen. (Zumin­dest für heu­te.) Kein Zurück­bli­cken, nur nach vor­ne schau­en, wei­ter, immer wei­ter. Das war ein Gefühl, auf das ich mich wochen­lang in den Vor­be­rei­tung gefreut hat­te. Hal­lo, Gefühl 🙂

So lief ich, erwar­tungs­ge­mäß, ganz knapp am Wed­ding vor­bei, durch das Gesund­brun­nen­vier­tel hin­durch (der Name geht auf eine mine­ral­hal­ti­ge Quel­le zurück, der hei­len­de und jugend­er­hal­ten­de Eigen­schaf­ten nach­ge­sagt wur­den) und mit­ten rein in Mit­te. Vor­bei am Reichs­tag (Via Impe­rii heißt über­setzt übri­gens »Reichs­stra­ße«), dem Bran­den­bur­ger Tor mit der Qua­dri­ga, dem Holo­caust-Mahn­mal, dem Tier­park, über den Pots­da­mer Platz und schließ­lich ent­lang des Parks um das lei­chen­ge­fled­der­te und grund­re­no­vier­te Gleis­drei­eck. Und da geriet ich schon mal ins Grü­beln. Das ist tat­säch­lich die Via Impe­rii? Hier sind die Römer vor 2000 Jah­ren ent­lang mar­schiert und die Pil­ger vor 1000 Jah­ren ent­lang gepil­gert? Moment mal, ver­lief hier nicht die »Mau­er«? Hmm.

Ein biss­chen pil­ger­haf­ter wur­de es end­lich im süd­li­chen Stadt­teil Tem­pel­hof (welt­be­kannt durch den Flug­ha­fen, den man in India­na Jones 3 sieht 🙂 ). Seit August 2020 kön­nen sich Pil­ger bei der Köni­gin-Lui­se-Gedächt­nis­kir­che ihren Stem­pel für den Pil­ger­aus­weis abho­len. Das geschieht völ­lig anonym per außen ange­brach­ter Holz­box und ange­ket­te­tem Stem­pel. Zu mei­nem Besuch war noch alles intakt, die Stem­pel­tin­te feucht. Ich wün­sche der Kon­struk­ti­on ein lan­ges Leben.

Jetzt aber wei­ter, end­lich raus aus Ber­lin.

So schnell ging das frei­lich nicht, die Haupt­stadt zu ver­las­sen. Die ers­te Etap­pe ende­te im süd­li­chen Ber­lin und bei Aus­läu­fern von Pots­dam mit Stadt­tei­len und Vor­or­ten, wie Schö­ne­berg, Lank­witz (Ste­glitz). Schlaf­stel­le Nr.1 war wegen Alter­na­tiv­lo­sig­keit völ­lig über­teu­ert für 60 Euro (Pen­si­on Pan­ora­ma oder so ähn­lich). Eine sog. Mon­teurs­pen­si­on, das ist für Jakobspil­ger die Luxus­ver­si­on einer Über­nach­tung. Ich lern­te mit Errei­chen der Schlaf­stel­le ein inter­es­san­tes neu­es Gefühl ken­nen, das mei­ne Ängs­te »Wer­de ich das als chro­nisch Kran­ker über­haupt schaf­fen?« über­la­ger­te: Die Etap­penzie­le waren ent­schei­dend! Die Vor­freu­de und Beloh­nung, sich nach geta­ner Geh­ar­beit abends hin­zu­set­zen, etwas zu essen und dann schla­fen zu legen war bereits am ers­ten Abend spür­bar und wür­de mich fort­an jeden Tag beglei­ten.

Und noch eine inter­es­san­te Lek­ti­on: Die Reduk­ti­on auf das Wesent­li­che ließ mich schon früh ver­ges­sen, dass ich Frau und Kind zu Hau­se zurück­ließ. Der Weg war ja nicht als Flucht­me­ch­ani­mus vor All­tags­stress geplant, aber es war sehr früh eine Art Pola­ri­sie­rung spür­bar.

Auf dem Weg zähl­te tat­säch­lich nichts ande­res als der Weg.

Berlin-Steglitz ↦ Kleinmachnow
(Tag 2/​11)

Jakobs-Kilo­me­ter: 9 km (brut­to 20 km)

Die Moti­va­ti­on, am nächs­ten Mor­gen mög­lichst früh los­zu­ma­chen, war hoch. Ich muss­te auf kei­ne Syn­chro­ni­sie­run­gen mit Kind, den Kita­vor­be­rei­tun­gen, Win­deln, Früh­stück war­ten oder dar­um her­um pla­nen. Auf­ste­hen, Tablet­ten, Duschen, etwas Fett essen, Zäh­ne put­zen, anzie­hen. Wäh­rend­des­sen gemüt­lich den am Vor­abend aus­ge­brei­te­ten Ruck­sack­in­halt sau­ber zurück­pa­cken. (Retro­spek­ti­ve war das sehr befrie­di­gend: Alles, was man zum Leben braucht an einem Ort zen­tra­li­siert zu sam­meln. Hier ist eine Sei­te mit der Ruck­sack-Pack­lis­te.) Ein letz­ter Blick zurück. Oh der Hut! Und wei­ter geht’s Rich­tung Süd­wes­ten.

Über Lank­witz (gehört zum Orts­teil Ste­glitz) und Mari­en­fel­de ging es heu­te nach Tel­tow. Hier war ich schon mal vor zehn Jah­ren auf einem Con­sul­ting-Job — streng genom­men mein ers­ter Ber­lin-Auf­ent­halt. Das Haus stand noch, aber alles war dich­ter zuge­baut. Ins­ge­samt, aber das war von vorn­her­ein klar, ist der gesam­te Ber­li­ner und Ber­li­ner-Umge­bungs­teil eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung: Der Weg ist außer­or­dent­lich lang­wei­lig. Und aller­höchs­tens inter­es­sant für Leu­te, die ein Apar­ment­mehr­fa­mi­li­en­haus bau­en und sich von Archi­tek­tur­sti­len inspi­rie­ren las­sen moch­ten. Toll, ein­fach wei­ter­ge­hen zu kön­nen, nicht mehr zurück­zu­bli­cken. Statt­des­sen freu­te ich mich auf das, was noch kam.

In Tel­tow wur­de mir aller­dings ein wei­te­res Mal klar, wie nah und wie fern der Jakobs­weg-Via-Impe­rii tat­säch­lich an der vor­ge­stell­ten Stre­cken­füh­rung anlie­gen muss­te. Denn ein beträcht­li­cher Teil der Stre­cke führ­te, schon wie­der, ent­lang des Mau­er­wegs (das hat­ten wir schon mal in Ber­lin; der Mau­er­weg ist eine berühm­te 160 km Stre­cke ent­lang der alten Ber­li­ner Mau­er — jog­gen und wan­dern, wo frü­her Men­schen patroul­lier­ten und erschos­sen wur­den). Wahr­schein­lich bau­ten die Sowjets die Mau­er genau auf der alten römi­schen Stra­ße zwi­schen Cölln (Ber­lin) und Leipz (Leip­zig)? Nein, sicher nicht. Aber wo wir doch schon gera­de in der Gegend sind, war­um den Jakobs­weg nicht gleich mit einem Geden­ken an das dun­kels­te Deutsch­land­ka­pi­tel ver­bin­den?! Passt doch the­ma­tisch super zusam­men. Hmm.

Beim Tel­tow-Stre­cken­ab­schnitt muss­te ich Zeit ver­trö­deln, das war schon im Vor­feld klar. Denn der zwei­te Abschnitt war wegen der kom­ple­xen Über­nach­tungs­pla­nung nur 9 km lang, eine Wan­der­di­stanz für zwei Stun­den. Zwei. Geh. Stun­den. Womit also die rest­li­chen acht Geh­stun­den ver­brin­gen, die die Bei­ne wei­ter­lau­fen woll­ten?

Zum Bei­spiel durch Abho­len des Stadts­tem­pels (übri­gens nicht mal ein Muschel­lo­go drauf; spä­ter erzähl­te man mir, das wäre dann gar kein offi­zi­el­ler Jakobss­tem­pel), damit ver­gin­gen min­des­tens fünf Minu­ten. Und durch Zusam­men­bas­teln eines eige­nen Mit­tags-Aal­bröt­chens. Und Suchen einer Mit­tags­pau­sen­bank in irgend­ei­nem Nach­bar­schafts­park in Tel­tow Down­town — noch­mal 15 Minu­ten ver­trö­delt, juhu.

Auf brut­to 20 km und ein Etap­pen­en­de am frü­hen Nach­mit­tag statt spä­tem Vor­mit­tag kam ich gera­de mal so, weil eine herr­li­che Ufer­pro­me­da gesperrt war (die Sack­gas­se sieht man ganz gut auf der GPX-Rou­te). Außer­dem lag das Schlaf­stel­len­ziel Nr. 2 im nörd­lich abge­le­ge­ne­ren Klein­mach­now — eine AirBnb-Gele­gen­heit für 25 Euro. Ein biss­chen eng, ein biss­chen dun­kel, ein biss­chen viel im Sou­ter­rain, und natür­lich ohne Mini­bar. Hal­lo, Aske­se. Aber die Ver­mie­ter waren sehr freund­lich. Viel­leicht war ich mit pri­vat orga­ni­sier­ten AirBnb-Gele­gen­hei­ten doch nicht so weit ent­fernt von der Art und Wei­se, wie Pil­ger vor tau­send Jah­ren pil­ger­ten?

Die Umge­bung? Nun, die Häu­ser wur­den klei­ner, pri­va­ter, die Grund­stü­cke geräu­mi­ger, das Ambi­en­te einen Hauch grü­ner, das Abend­essen­re­stau­rant länd­li­cher. Trotz­dem war das Auf­neh­men, das Spü­ren und Beob­ach­ten und Erle­ben der Umge­bung höchs­tens inter­es­sant für Leu­te, die sich ein Ein­fa­mi­li­en­haus bau­en und von umge­setz­ten Archi­tek­tur­sti­len inspi­rie­ren las­sen moch­ten. Das hat­te ich nicht vor. Also war das Jakobs­fee­ling nur ober­fläch­lich zu spü­ren. Häns­chen geht anschei­nend ganz lang­sam in die Welt hin­ein. (Ohh, das ist sein Lieb­lings­lied 🙂 )

Wo geht’s nun end­lich raus aus die­sem Bal­lungs­zen­trum?

Kleinmachnow ↦ Saarmund
(Tag 3/​11)

Jakobs-Kilo­me­ter: 22 km (brut­to 26 km)

Der Tag (pst, lei­se, ganz früh im Mor­gen­grau­en) begann früh, zwi­schen 6 und 7. Und der Weg begann lei­der so, wie der vor­he­ri­ge ende­te: Stadt, Beton, Asphalt. Das hieß: Augen zu und durch. Aber dies­mal lag das nach­mit­täg­li­che Etap­pen­ziel in einer neu­en Gegend, näm­lich drau­ßen, vor der Stadt.

Inof­fi­zi­ell befand ich mich immer noch in Ber­lin, denn der süd­li­che Ber­lin-Auto­bahn­ring 10 ist die gefühl­te Gren­ze der Haupt­stadt, und die lag noch eini­ge Kilo­me­ter ent­fernt. Nach Tel­tow wur­de es jedoch merk­lich natür­li­cher. Vor­bei an kilo­me­ter­lan­gen rena­tu­rier­ten Mili­tär­stütz­punk­ten und ent­lang der Bun­des­au­to­bahn 115 Rich­tung Süd­wes­ten. Das Grün und zwei, drei Pfer­de auf zwei, drei Pfer­de­kop­peln konn­ten zwar nicht über den per­ma­nen­ten Auto­bahn­hin­ter­grund­sound hin­weg­täu­schen, ver­grö­ßer­ten aber die Vor­freu­de auf auto­bahn­freie Stre­cken­ab­schnit­te. Es konn­te nur schö­ner wer­den, Tag um Tag.

Einen unge­wöhn­li­chen beu­len­för­mi­gen 2,5‑km-langen Schlen­ker nach Osten spä­ter (War­um? Um den Bahn­hof zu zei­gen? — sie­he GPX-Auf­zeich­nung), kam das ers­te wirk­lich kusch­li­ge Etap­pen­ziel: der klei­ne Ort Saar­mund. Und hier hat­te ich das ers­te Mal das Gefühl, die Groß­stadt ver­las­sen zu haben. Am Ende des drit­ten Tags nach dem Start in Ber­lin! Hier gab es kei­ne Döner­bu­den, Spä­tis und Bau­märk­te. Der ein­zi­ge Super­markt mach­te um 19 Uhr zu und die letz­te Gas­tro-Abend­essen­ge­le­gen­heit lag 10 km zurück.

Die Infra­struk­tur­ein­schrän­kung wur­den aller­dings locker getoppt vom ers­ten authen­ti­schen Pil­ger­ge­fühl. Die drit­te Unter­kunft war kei­ne Pen­si­on, kein pri­va­tes Zim­mer­chen im Sou­ter­rain, son­dern eine kirch­li­che Insti­tu­ti­on, ein eigens für Pil­ger her­ge­rich­te­ter Platz im Gemein­de­zen­trum (gleich neben der Kita, aber mein Wecker stand ja sowie­so auf 6). Im Schnitt zahlt man 15 Euro für eine Nacht in solch einer Blei­be. Aber je näher man an Sant­ia­go de Com­pos­te­la oder ein ande­res gro­ßes Wall­fahrt­ziel her­an­kommt, des­to mehr Pil­ge­r­an­drang herrscht in die­sen Blei­ben. Wie vie­le vom Wan­dern durch­ge­schwitz­te Mit­be­woh­ner ich wohl haben wür­de?

Natür­lich kei­ne! Die Chan­cen, in Bran­den­burg zu Coro­na­zei­ten allei­ne in Pil­ger­un­ter­künf­ten zu näch­ti­gen waren hoch. Ich hat­te das für maxi­mal fünf Mann und Frau aus­ge­rich­te­te Zim­mer (Dop­pel­bett mit Aus­zieh­couch, also Kuscheln inklu­si­ve?) ganz für mich allein. Also hol­te ich mir ein paar Bie­re und pros­te­te dem lie­ben Gott zu bei die­ser ers­ten Gele­gen­heit, still und face­book­los über das Pil­ger­tum und mein eige­nes Pil­ger­inter­mez­zo nach­zu­den­ken. Denn, und das war eine wei­te­re Krux der Groß­stadt­ent­fer­nung: kein Kon­takt zur Fami­lie daheim! Bis­lang schick­te ich abends wenigs­tens ein Foto, ein Video, eine Gute-Nacht-Bot­schaft mit Her­ber­gen-Walkthrough. Aber hier gab es kein WLAN und ich befand mich im »EDGE-Land« (das ist ein altes Mobil­funk­netz). Einem Land fern jeg­li­cher Digi­tal­in­fra­struk­tur, mit nur ein paar Bits und Bytes Inter­net, die gera­de für das Stu­di­um der wei­te­ren Stre­cke reich­ten.

Lei­der plag­ten mich ab jetzt auch wie­der Pro­ble­me mit den Augen. Angst misch­te sich in die bis­lang unbe­schwer­te Wan­de­rung. Die Sor­gen, wie es wei­ter­ge­hen wür­de, mach­ten den Abend schwer und schwer­mü­ti­ger. Und die Mücken! Ach ja, ich hat­te das Fens­ter offen gelas­sen, um mei­ne ers­te hand­ge­wa­sche­ne Wäsche nachts schnel­ler durch fri­sche Luft trock­nen zu las­sen. Pil­ger erkennt man näm­lich dar­an, dass sie über­all ihre Wäsche in Wohn­räu­men auf­hän­gen.

Also Mücken­fens­ter zu. Fürs Wäsche­trock­nen wird es mor­gen ande­re Lösun­gen geben.

Saarmund ↦ Beelitz
(Tag 4/​11)

Jakobs-Kilo­me­ter: 16 km (brut­to 29 km)

Das Wäsche­tro­ckungs­pro­blem ließ sich am nächs­ten Tag tat­säch­lich durch­dacht lösen. Näm­lich mit dem Regen­schirm! Ich mag ja die­se weit geschnit­ten Regen­par­kas nicht beson­ders. Da schwitzt man drun­ter, die Bril­le beschlägt, und alles wird doch irgend­wie nass. Und was nicht nass wird, wird klamm und/​oder voll­ge­schwitzt. Ich beschloss nach eini­gen Regen­ex­pe­di­tio­nen ein Regen­schirm­wan­de­rer zu wer­den und trug seit mei­nen ers­ten Beta­test-Wan­de­run­gen immer einen Wan­der­re­gen­schirm mit mir. Der steck­te ein­fach als Basis-Acces­soire an der Ruck­sack­sei­te. Und das war die idea­le Wäsche­tro­ckungs­auf­häng­mög­lich­keit! Fort­an hing ich hier T‑Shirts, Socken, Unter­wä­sche, Steaks, alles dran, was trock­nen muss­te. Mög­li­cher­wei­se kann man mich in Zukunft an die­ser Regen­schirm­hal­te­rung auf Pas­san­ten­schnapp­schüs­sen oder Ver­kehrs­ka­me­ra-Beweis­fo­tos wie­der­ken­nen.

Ers­tes Ziel nach dem ver­träum­ten Dörf­chen Saar­mund war dann end­lich die Auto­bahn. Ja! End­lich wür­de ich die letz­te Bas­ti­on Ber­li­ner Ver­kehrs­po­li­tik über­que­ren: den Auto­bahn­ring. Ein paar Meter zuvor erlaub­te ich mir aber noch einen klei­nen Schlen­ker, abseits der offi­zi­el­len Jakobs­rou­te. Denn kei­nen Stein­wurf von der Stre­cke ent­fernt befand sich der Saar­mun­der Berg, mit fast 100 Meter eines der weni­gen Hoch­ge­bir­ge im nord­deut­schen Tief­land­be­cken. Nun liegt die Wald- und Baum­gren­ze ein wenig über 100 Metern, was sich direkt auf die nicht vor­han­de­ne Aus­sicht vom Saar­mun­der Berg aus­wirkt. Aber wenigs­tens bewäl­tig­te ich mei­ne ers­ten ech­ten Höhenkilometer — ein Wan­der­mei­len­stein :).

Der Saar­mun­der Berg war nicht die ein­zi­ge Sehens­wür­dig­keit. Hin­ter ihm befand sich ein klei­ner Flug­lan­de­platz für Motor- und Ultra­light­flie­ger. Um 7 Uhr mor­gens war hier nicht viel los, und ich latsch­te mehr oder weni­ger unge­niert über Tei­le der Lan­de­bahn, bevor ich erkann­te, dass es die Lan­de­bahn war. Über die nächs­ten zwei Tage soll­te ich trotz­dem den einen oder ande­ren Sport­flie­ger am Him­mel ent­de­cken, der die­sen Gras­lan­de­platz anflog. Und damit kamen gleich­zei­tig Erin­ne­run­gen an daheim. An die Momen­te, bei denen ich dem Klei­nen erklär­te, wie das mit der war­men Luft und dem Heiß­luft­bal­lon funk­tio­nier­te. Den Kon­text total ver­ste­hend ant­wor­te­te er immer mit »Ich will Affel­schor­le!!«. Ach der Klei­ne, was er jetzt wohl gera­de mach­te? Sicher Affel­schor­le trin­ken.

Der Weg führ­te in einem Tun­nel unter dem Auto­bahn­ring hin­durch.

Und.

Ich.

Hat­te.

es.

Geschafft!

(Aus Ber­lin raus zu sein.)

Schlag­ar­tig war ich im Wald und auf dem Feld und auf der Hei­de, die Blu­men blüh­ten, Schmet­ter­lin­ge umflatt­ter­ten mich und ich erkann­te, dass die Son­ne eine kreis­för­mi­ge run­de Form hat­te. Sogar die Pots­da­mer Müll­de­po­nie zu mei­ner Lin­ken prä­sen­tier­te sich als Foto- statt Beschwer­de­ge­le­gen­heit. Ach wie schön die Ent­lüf­tungs­zy­lin­der über dem fri­schen Gras das Licht der Son­ne spie­gel­ten (sie­he Foto). Und sind nicht alle alten Eis­zeit­mo­rä­nen über die wir wan­dern in Wahr­heit rie­si­ge Stein­müll­ber­ge? Ein klei­ner Gute-Lau­ne-Dämp­fer: Ich sah plötz­lich schlech­ter auf der rech­ten Sei­te, ein Bereich von 10, 15 Grad war kom­plett grie­se­lig. Das war ein Zei­chen einer wach­sen­den Meta­sta­se, die sich im Seh­nerv aus­brei­te­te. Pil­ger­sein hin oder her, die Uhr tick­te also wei­ter.

Am bes­ten ablen­ken und nicht dar­an den­ken. Mit Gedan­ken an die Kilo­me­ter der letz­ten Tage, mei­ner noch vor­han­de­nen Kon­di­ti­on und den aktu­ell vor­lie­gen­den lächer­li­chen 16 km kam mir eine Inspi­ra­ti­on. Ich wei­te­te die Jakobs­rou­te um das nächs­te Natur­wun­der aus, das bei der Jakobspla­nung links (eigent­lich rechts — west­lich) lie­gen­ge­las­sen wur­de: den Sed­di­ner See. Tipp: Die­ses Gewäs­ser zu umwan­dern statt nur mit West­blick zu strei­fen, lohnt sich tat­säch­lich. Die frü­he Süd­ost­son­ne gab herr­li­che Kon­tras­te mit Ufer, Was­ser, Him­mel und Wol­ken, vor­bei an span­nen­den Strän­den und Boots­ste­gen, über einen lau­schi­gen Wald- und Ufer­weg (Fotos angu­cken). Im Gegen­satz zum übli­chen Asphalt­ge­lat­sche repa­rier­te die­ser herr­lich natür­li­che Wald- und Ufer­weg Fuß­bla­sen anstatt neue zu erzeu­gen. Zusam­men­ge­fasst: Der Umrun­dung des Sees war ein High­light, das ich drin­gend wei­ter­emp­feh­le.

Süd­lich des Sees ging es zurück auf die Ori­gi­nal­ja­kobs­rou­te, die sich inzwi­schen als freund­li­cher brei­ter Wirt­schafts­weg prä­sen­tier­te. Der Forst war nicht so dicht wie bei den bis­he­ri­gen ver­wil­der­te­ren Ex-Mili­tär-jetzt-Wild­schwein-Wäl­dern. Sogar eine Fahr­rad­fah­re­rin trau­te sich in die­sen Abschnitt, die Stim­mung war fried­lich und wur­de nur von Schwer­las­tern irgend­wo in der Fer­ne gestört. Die beglei­te­ten den Pil­ger aber nur auf einem kur­zen Weg­stück, das weg­be­rei­tend wur­de für einen neu­en inter­es­san­ten Land­schafts­aus­blick.

Der Forst wich Fel­dern mit gleich­mä­ßi­gen Erd­hü­gel­rei­hen auf denen grü­ne zar­te Pflänz­chen ver­schie­de­ner Wachs­tums­sta­di­en wuch­sen. Wer schon einen Blick auf die GPX-Kar­te gewor­fen hat, weiß Bescheid: Das waren ers­te Zei­chen für Beelitz. Denn was Schro­ben­hau­sen für den Süden und Schwet­zin­gen für den Wes­ten, das ist Beelitz für den Nord­os­ten: Spar­gel. Von einem Hori­zont zum ande­ren. Schwie­rig zu sagen wie viel. Wie viel Spar­gel braucht man für, sagen wir mal, 10 Mil­lio­nen Men­schen? Neh­men wir an, jeder Mensch im Nord­os­ten isst pro Sai­son 3 kg Spar­gel, das wären 300.000.000 kg Spar­gel. Im Ver­gleich dazu hat der Mond hat eine Mas­se von 7,346 · 1022 kg. Wür­de man es nun schaf­fen, den Mond für den Spar­ge­l­an­bau zu nut­zen… Aber ich schwei­fe ab. Bemer­kens­wert war jeden­falls die Auf­merk­sam­keit und der Auf­wand um das kom­ple­xe Pfle­ge- und Bewäs­se­rungs­sys­tem, das die Fel­dern und Spar­gel­rei­hen umgab. Kein Wun­der dass der Spar­gel min­des­tens zehn Euro pro Kilo kos­tet. Ein Flug zum Mond kos­tet dage­gen nur 1,3 Mil­li­ar­den Euro. Wür­de man nun…

Beelitz, das offi­zi­ell den Zusatz­ti­tel »Spar­gel­stadt« trägt (hier­mit bean­tra­ge ich für Mün­chen »Bier­stadt«), war seit lan­gem mal wie­der ein ordent­li­cher Ort mit Döner­la­den, Dro­ge­rie, Tank­stel­le und Heil­stät­te. Stem­pel abho­len, Kir­che bewun­dern, und ab zur Pen­si­on. Die war im Hoch­som­mer sicher voll mit Tou­ris­ten, wahr­schein­lich wür­de ich im inte­grier­ten Restau­rant gar nichts mehr zu essen bekom­men, oder nur noch Pil­ger­res­te.

Doch der Leser ahn­ts bereits: Trotz hoher Goog­le-Maps-Wer­tung und UMTS-LTE-G5-Plus-Tur­bo-Inter­net konn­te man die Gäs­te an einer Hand abzäh­len: Einer. Ich war allein. Da war nicht nur die Pen­si­ons­eta­ge leer, son­dern auch das ein­ge­bau­te Restau­rant mit 100 Plät­zen, den gan­zen Abend lang. Der Koch hat­te Anwe­sen­heits­pflicht, und die Wings waren her­vor­ra­gend. (Der Klei­ne nann­te sie immer Fest­hal­te­fleisch — eine eige­ne Wort­schöp­fung, herr­lich krea­tiv 🙂 ) Aber wie­der mal gab es kei­ne ande­ren Pil­ger, um Pil­ger­bla­sen­ge­schich­ten aus­zu­tau­schen. Scha­de.

Wenigs­tens war mei­ne Wäsche inzwi­schen tro­cken gewor­den.

Wie wür­de es wei­ter­ge­hen auf dem Jakobs­weg süd­lich von Beelitz?

Gab es dort Inter­net?

Und Strom?

Gab es über­haupt irgend­wo ande­re Pil­ger außer mir?

Dar­über schrei­be ich in Teil 2: von Beelitz nach Wit­ten­berg.

Buen Cami­no! 🙂

Sei­te wei­ter­emp­feh­len oder spä­ter wei­ter­le­sen

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WordPress 5 - Das umfassende Handbuch ist das aktuelle Standardkompendium zur neuesten WordPress-Version. Didaktisch aufgebaut von einfachen Installations- und Pflegethemen bis hin zu Experimenten bei der Plugin-Programmierung. Das Buch hat etwas über 1.000 Seiten und erhielt und erhält Spitzenrezensionen.

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WordPress 5 – Das umfassende Handbuch

1.076 Seiten, gebunden, Rheinwerk Computing, ISBN 978-3-8362-5681-0

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