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Ricks Jakobsweg Berlin ↦ Leipzig (2/​3)

Abschnitt Beelitz ↦ Wittenberg (87 km) entlang der Via Imperii

Sei­te wei­ter­emp­feh­len oder spä­ter wei­ter­le­sen

Foto­kar­te auf Voll­bild­schirm anse­hen oder
Plan- und Gelau­fen-Ver­gleich auf Goog­le Maps oder
Ricks Jakobs­weg-GPX-Datei her­un­ter­la­den (Stand 12.10.2020)

Hin­ter­grund zu die­sem Jakobs­weg, war­um ich ihn emp­feh­le und nicht emp­feh­le, und wie man mit den her­un­ter­lad­ba­ren GPX-Datei­en arbei­tet, gibt es auf die­ser Sei­te:
Hin­ter­grund und GPX-Infos zum Jakobs­weg Ber­lin ↦ Leip­zig

(Dies ist Teil 2/​3. Teil 1 ver­passt?. Ach, und hier ist die Ruck­sack-Pack­lis­te.)

Beelitz ↦ Treuenbrietzen (Tag 5/​11)

Jakobs-Kilo­me­ter: 21 km (brut­to 29 km)

Hat­te ich in der letz­ten Bericht­erstat­tung über das nord­öst­li­che Beelitz schon den mas­si­ven Spar­ge­l­an­bau erwähnt? Pah! Kein Ver­gleich zum Süden. Aber ist auch klar, im Süden ist das Kli­ma frei­lich noch mil­der, da geht es dem Spar­gel gleich viel bes­ser. Und dem Jakobs­wan­de­rer eben­falls, denn hier merkt man schon bei Tages­be­ginn end­lich drau­ßen zu sein aus dem Bal­lungs­zen­trum. Allem vor­an: kein Auto­bahn­lärm und die Rou­te wür­de sich im Lau­fe der nächs­ten Stun­den und Tage auch immer wei­ter von der 9er-Auto­bahn ent­fer­nen.

Dorf, Feld, Wald, Feld, Forst, Dorf, Feld, Wald — die­ses Seg­ment war gefüllt mit klas­si­schen Dorf­stra­ßen, Forst‑, und Feld­wan­der­we­gen, die ins­be­son­de­re dann Spaß macht, wenn man ger­ne auf Dorf­stra­ßen, Forst‑, und Feld­wan­der­we­gen wan­dert. Der Abschnitt war abwechs­lungs­reich, die Son­ne knall­te wegen der unter­schied­li­chen Bewal­dung nur bei weni­gen Abschnit­ten, der wech­seln­de Unter­grund war ange­nehm für Füße und Fuß­soh­len.

Wer nach Beelitz das Kilo­me­ter- und Rich­tungs­schild nach Treu­en­briet­zen erblickt und den Weges­ver­lauf von oben sieht, ver­steht, was hier pas­siert: Die Wan­de­rung führ­te so geschickt, wie das ein Zick­zack­weg kann, um die direk­te Treu­en­briet­zener Bun­de­stra­ße her­um. Denn Bun­de­stra­ßen ohne Bür­ger­stei­ge oder Wan­der­be­gleit­we­ge machen wahr­lich kei­nen Spaß. Da nimmt man auch die Extra-10-km in Kauf.

Der Ver­kehr auf den Stra­ßen war sel­te­ner, und kurz vor Treu­en­brie­zen stieß man beim Bahn­hof von Buch­holz auch wie­der auf die ers­ten asphal­tier­ten Wege, bei mir gera­de recht­zei­tig, bevor sich eine klei­ne Bla­se am lin­ken Fuß echauf­fie­ren woll­te. Aller­dings nah­men die Stra­ßen Über­hand: Nach Buch­holt muss­te man schon wie­der, seufz, einen extreeemen Ost­schlen­ker ent­lang einer sehr stark befah­re­nen Bun­des­stra­ße in Kauf neh­men (L80, natür­lich ohne Bür­ger­steig). Gut, sie ist wahr­schein­lich weni­ger stark befah­ren als die B2. Der Jakobs­weg zweig­te dann Rich­tung Süden in einen Wald: Vor­sicht am süd­öst­li­chen Eck­punkt — der Pfad war hier teil­wei­se über­wu­chert (Stand Sep­tem­ber 2020) — am bes­ten mit GPS arbei­ten, um zum wie­der west­lich am Süd­rand des Wal­des ver­lau­fen­den Wirt­schafts­weg zurück­zu­fin­den.

Treu­en­briet­zen, das Ende die­ser Tages­etap­pe, ist eine etwas große­re Klein­stadt. Sie blickt auf eine dra­ma­ti­sche Geschich­te zurück (Kate­go­rie Mäd­chen­mör­der­lie­der und drit­tes Reich) und eig­net sich gut für eine Rast oder, für die Gla­mour-Pil­ger, eine Ein­kehr. Auch Bäcker gibt es hier, ein bis­lang für Bran­den­bur­ger Dorf­pil­ger unge­wohn­ter Blick. Ins­ge­samt eine freund­li­che Aus­flugs­stadt, die ich aller­dings erst am nächs­ten Mor­gen ken­nen­ler­nen wür­de. Denn mein Ziel lag in einem nörd­li­chen Sied­lungs­an­häng­sel an Treu­en­briet­zen. 

Ich fand näm­lich in einem Schä­fer­wa­gen Unter­kunft. Der sah fast genau­so aus, wie der Zigeu­ner­wa­gen in Ulti­ma IV auf dem C64 (1985), nur dass man heu­te poli­cal­ly cor­rect freit­lich nicht mehr Zigeu­ner sagt, und dass gleich drei davon neben­ein­an­der auf einer Art Grund­stücks­hin­ter­gar­ten­hof stan­den. Auch befand sich kei­ne Wahr­sa­ge­rin dar­in. Trotz­dem konn­te man hier sei­nen Spie­ler­cha­rak­ter wei­ter­ent­wi­ckeln und zwi­schen vie­len Optio­nen wäh­len: Woll­te man das Abend­essen vom benach­bar­ten Super­markt holen? Oder sich vom Ver­mie­ter nach Treu­en­briet­zen Down­town kut­schie­ren las­sen? Viel­leicht gemein­sam gril­len und bei Bier (gibt’s auch im Pen­si­ons­raum im Kühl­schrank fürn Euro) am Grill loka­len Sabin­chen­lie­der lau­schen? Oder sich ruhig hin­set­zen, dem Rau­schen in den Dusch­ka­bi­nen zuhö­ren (die Schä­fer­wa­gen sind zu klein für irgend­wel­che Sani­tär­in­stal­la­tio­en)? Am Ende kommt her­aus, was für ein Pil­ger man wird — ein aske­ti­scher Kas­tei­ungs- oder ein Glam­ping-Pil­ger :).

Für mich war es der »Super­markt« und »Ruhe fin­den«. Der Tra­ban­ten­neu­bau­su­per­markt war ja nur ein­ein­halb Kilo­me­ter süd­lich von hier. Und er hat­te alles, was man für eine Nacht braucht. Und bis 22 Uhr hat­te er auch offen, soll­te man mit­ten in der Nacht einen Tequil­la oder Kakao benö­ti­gen, um bes­ser schla­fen zu kön­nen.

Wer klei­ner als 1,90 m ist, ver­bringt im Schä­fer­wa­gen jeden­falls eine kusch­li­ge uri­ge Nacht in, auf oder unter einem der vier ein­ge­bau­ten Holz­ge­stel­le. Viel­leicht hört man das eine oder ande­re Gespräch. Viel­leicht erreicht einen der Duft von Gegrill­tem oder der Klang von Gesun­ge­nem, wenn alte regio­na­le Lied­chen ange­stimmt wur­den. Mei­ne Nach­bar­mon­teu­rin und mein Nach­bar­fahr­rad­schwei­zer waren jedoch so lei­se, das ich nicht mal das Schnar­chen hör­te.

(A Pro­pos regio­na­les Lied­chen: Von hier kommt die Sabin­chen-Geschich­te, die ich bis dato gar nicht kann­te: Das ist tat­säch­lich ein loka­les, sehr bekann­tes Lied, in dem ein Mäd­chen Geld für einen Trun­ken­bold stiehlt, der Dieb­stahl auf­fliegt, und der Trun­ken­bold das Mäd­chen umbringt, nach­dem sie sich bei ihm beschwert. Die Lek­ti­on ist: Traue nie­man­den. Das neh­me jetzt mit auf mei­nen Weg.)

Wich­tig ist auf jeden Fall, die Wagen­tür zu schlie­ßen. Denn tech­nisch gese­hen gel­ten bran­den­bur­ger Schä­fer­wä­gen in Mücken­krei­sen als »drau­ßen« und sind damit offi­zi­el­les Blut­sauger­jagd­ge­biet.

Um 6 ist hier noch nie­mand wach. Also auf, auf! (Ver­dammt, der Nach­bar­fahr­rad­fah­rer war schnel­ler, hat­te es tat­säch­lich schon um halb 6 geschafft, laut­los zu duschen.) Dar­um kann es mun­ter wei­ter gehen, zuerst noch­mal durch Haupt-Treu­en­brie­zen durch und dann wei­ter Rich­tung Süden durch Bran­den­bur­ger Fors­te und Dör­fer zum nächs­ten, ähn­lich exo­ti­schen Quar­tier.

Treuenbrietzen ↦ Niedergörsdorf
(Tag 6/​11)

Jakobs-Kilo­me­ter: 23 km (brut­to 29 km)

Inzwi­schen war ich so von der Umge­bung abge­lenkt, das ich mei­ne Weh­weh­chen gele­gent­lich ver­gass. Abge­lenkt, denn was habe ich auf die­sem Weg­stück geflucht! Es ging näm­lich (mit­un­ter) ent­lang Bran­den­bur­ger Land­stra­ßen. Das mag vor 50 oder 100 Jah­ren noch nett gewe­sen sein, als Autos 100 oder viel­leicht nur 50 fuh­ren, aber heut­zu­ta­ge sind die Renn­stra­ßen eine wirk­li­che Qual. 

Auch die­ser Abschnitt folgt kon­se­quent der B2. Das erhär­tet bei mir den Ver­dacht (bis­lang kei­ne his­to­ri­sche Recher­che durch­ge­führt), dass gar nicht die Leip­zi­ger Auto­bahn, son­dern die B2 die eigent­li­che Via Impe­rii war? Eben­so auf­fäl­lig ist, dass der Jakobs­weg auf jeden Fall ver­sucht, kein Bun­des­stra­ßen­wan­der­weg zu sein. Ein schwie­ri­ges Unter­fan­gen, so dass man wegen der Weg­re­kon­struk­ti­on und ‑ver­schön­besse­rung stän­dig in Feld- und Wald­we­gen rund um die Schnell­stra­ße her­um­ei­ert; mal auf der einen, mal auf der ande­ren Sei­te der Land­stra­ße. Das Ergeb­nis sind eini­ge Bonu­s­ki­lo­me­ter, die Aus­sicht ist nicht super­spek­ta­ku­lär, aber das Gehen ins­ge­samt ganz ange­nehm. Gemisch­te Gefüh­le: Denn retro­spek­tiv hat­te ich auf den “Feldweg”-Abschnitten am meis­ten »Wander«-Spaß.

Die Krux waren frei­lich die Schnell­stra­ßen. An eini­gen Stel­len kommt man ein­fach nicht dar­an vor­bei, mal einen, mal zwei, oder mal fünf Kilo­me­ter an einer stark und schnell fre­quen­tier­ten Land­stra­ße zu spa­zie­ren. Da war ich als Fuß­gän­ger ziem­lich allein. Denn wer kommt bit­te­schön auf die beknack­te Idee auf einer asphal­tier­ten Stra­ße ohne Bür­ger­steig neben 120 km/​h vor­bei­to­sen­den 12-Ton­nern zu spa­zie­ren? Fünf Kilo­me­ter lang. Genau hier gab es Abschnit­te, die mich die­sen Jakobs­weg nicht mögen gelernt haben und war­um ich ihn nicht Leu­ten emp­feh­le, die ger­ne in der Natur wan­dern.

Bit­te, lie­bes Bun­des­ja­kobs­wegs­mi­nis­te­ri­um, ver­linkt hier schö­ne­re Wege. Oder baut sie end­lich.

Aber ganz ruhig: Es wäre ja kein Jakobs­weg im Sin­ne einer Wall­fahrt, gebe es kei­ne Gefah­ren und Her­aus­for­de­run­gen. Pil­ger vor 500 Jah­ren muss­ten schließ­lich auch Lind­wür­mer besie­gen und Hei­den bekeh­ren, das war sicher auch kein Zucker­schle­cken. (Am Ende hat­te ich bei solch einem Abschnitt schließ­lich auch mei­nen Unfall — dazu spä­ter mehr.)

Umso freund­li­cher nahm ich den Emp­fang in der Her­ber­ge in einem Dorf namens Schö­ne­feld wahr. Schö­ne­feld heißt in Deutsch­land natür­lich jedes fünf­te Dorf, und die­ses hat­te zwei Dorf­tei­che, vie­le Wind­rä­der und einen Bau­ern­hof, betrie­ben von einem freund­li­chen Paar mit Kind, und aus­ge­stat­tet mit Mon­teu­ers- und Pil­ger­un­ter­künf­ti­en. (Wer auf AirBnB nach Feu­er­wehr­wa­gen sucht, wird schnell fün­dig.)

Und da war er. Einer die­ser Momen­te, die wir aus unse­rer Kind­heit ken­nen. Als wir abends einen Kas­ten Augus­ti­ner zum Bag­ger­see-Würst­chen-Gril­len nah­men und mit Bier, Weib und Gesang frön­ten. Heu­te jeden­falls genüg­ten zwei Pau­la­ner und eine Brot­zeit. Das Gril­len wur­de durch eini­ge Holz­schei­te ermög­licht, die Gesell­schaft waren der Gast­ge­ber, ein tsche­chi­scher Mon­teur und ein hol­län­di­scher Fami­li­en­va­ter. Und genau­so chao­tisch wie vor 30 Jah­ren ver­lief das Gespräch heu­te, denn nie­mand ver­stand nie­man­den so rich­tig, und für Hand-und-Fuß-Kom­mu­ni­ka­ti­on war es zu dun­kel. Aber das war auch irgend­wie ent­span­nend. Und das wie­der­um war etwas Beson­de­res. Klar konn­te ich mir kei­ne erlö­sen­de Ant­wort auf mei­ne Krank­heits- und Lebens­fra­gen erhof­fen. Es war, was es war. Und die Mücken, die mir die Nacht­ru­he stah­len (die zwei­te in Fol­ge) ver­such­te ich zu igno­rie­ren. Schließ­lich konn­te ich auf­bre­chen und ein­fach wei­ter­ge­hen, wann immer ich woll­te, mei­net­we­gen sogar mit­ten in der Nacht, und ich muss­te nie nie nie­mals zurück­bli­cken. DAS war eine wei­te­re Pil­ger­lek­ti­on. Mög­li­cher­wei­se wich­tig. Ich war­te­te trotz­dem bis 6 Uhr, um nicht im Dun­kel gegen Bäu­me zu lau­fen.

Niedergörsdorf ↦ Wittenberg
(Tag 7/​11)

Jakobs-Kilo­me­ter: 21 km (brut­to 30 km)

Als die Son­ne unge­fähr in Mek­ka auf­ging (auch ein coo­ler Wall­fahrts­ort habe ich irgend­wo gele­sen), also 6 Uhr West/​Mitteleuropa, rieb ich mir mücken­durch­näch­tigt den Nicht­schlaf aus den Augen, mach­te mich gemüt­lich fer­tig und genoß wäh­rend des Wei­ter­ge­hens die Zeit, die mir wäh­rend die­ses Jakobstrips die Liebs­te wur­de: der Son­nen­auf­gang. Durch Foto­gra­fie bin ich stark visu­ell geprägt, als Fami­li­en­va­ter und wegen Stadt­woh­nung aber stark ein­ge­schränkt. Früh mor­gens außer­halb einer Stadt den Son­nen­auf­gang zu erle­ben, mit kla­rer gerei­nig­ter, mit Nebel ver­setz­ter Luft, und mit den vie­len durch die ath­mo­sphä­ri­sche Bre­chung ver­ur­sach­ten Spek­tral­far­ben — das war… traum­haft. Lang­wei­li­ge Land­stra­ßen, Stan­dard-Land­stra­ßen­bäu­me, ver­dörr­te Son­nen­blu­men, Kirch­tür­me — fünf Kilo­me­ter ent­fernt am Hori­zont, selbst Auto-Sil­hou­et­ten vor regel­mä­ßi­gen Allee­bäu­men­mus­tern: All das waren ein­ma­li­ge opti­sche Genüs­se, an die auch jetzt noch, drei Wochen danach, zurück­den­ke. Die Son­ne, die eigent­li­che Schul­di­ge für die­sen Ver­zweif­lungs­trip, hol­te in die­sen Stun­den alle Asse dem Ärmel und stimm­te mich fried­lich. Eini­ge Foto­be­wei­se sind hier mit in den Bei­trag gestreut.

In die­ser Atmo­sphä­re ging es in die größ­te Stadt auf die­sem Weg. Wow, dop­pel­te Moti­va­ti­on! Das war nach die­sen Tagen allein des­halb auf­re­gend, weil die Ver­füg­bar­keit von Bedürf­nis­be­frie­di­gun­gen, die Bequem­lich­keit einer gro­ßen Stadt viel Kom­fort ver­sprach.

Und sie­he da, es kam sogar noch anders. Denn plötz­lich war alles anders. Irgend­wie sub­til zu Beginn, aber dann auf­fäl­li­ger. Der Asphalt, die Täler und Hügel, die Bäu­me, die Bür­ger­stei­ge, die Dorflay­outs, die Men­schen, ihr Dia­lekt, die Schrift auf den Ort­schil­dern! Ohne es zu auf der Kar­te zu sehen hat­te ich eine Bun­des­land­gren­ze über­schrit­ten! Und befand mich in Sach­sen-Anhalt! Und das ist wohl eine wei­te­re Erfah­rung, die man als Fuß­gän­ger viel inten­si­ver wahr­nimmt. Ein­zel­ne Din­ge sind irgend­wie anders, so insi­gni­fi­kant, dass man es kaum sieht, aber doch so signi­fi­kant, dass man sie ganz sub­til wahr­nimmt. Auf den fol­gen­den Kilo­me­tern waren die Wege etwas fuß­gän­ger­freund­li­cher, Land­stra­ßen hat­ten Fuß­we­ge, die Umge­bung wirk­te auf­ge­räum­ter, moder­ner, fast schon peni­bel, aber nicht unbe­dingt neu­er. (Von mei­ner super­pe­ni­blen Bür­ger­steig­re­chen­er­fah­rung erzäh­le ich im spä­ter fol­gen­den Abschnitt.)

Das Neue, die Ver­än­de­rung der Umge­bung, mach­te Spaß. Es war nicht bes­ser, son­dern anders. Mei­ne Erwar­tungs­hal­tung pass­te sich an die Umge­bung an und ich wur­de gleich viel offe­ner.

Zum Bei­spiel auch neu­en Men­schen.

Es war so gegen 10 Uhr, da hat­te ich Hun­ger auf ein Früh­stück und wünsch­te mir nach einer Dorf­kur­ve eine Bank her­bei und — Zack — war da auch die pas­sen­de Bank her­bei­be­schwört. Wäh­rend mei­ner Kurz­pau­se kam das geis­tig her­aus­ge­for­der­te Dorf­kind, so um die 10, 11 Jah­re, vor­bei, denn hier fuh­ren sel­ten Autos und die Dorf­stra­ße war sei­ne Home­town. Und was ein Kurio­sum ich doch für ihn war, hier ein­fach so wan­dern. Ich erin­ner­te mich an die Bücher mei­nes Sohns. Dass ein Wan­de­rer irgend­wo vor­bei­kam war in Kin­der­bü­chern ein übli­ches Bild, und so konn­te ich all sei­ne Fra­gen wie in einem Kin­der­buch beant­wor­ten. Die Kame­ra? Um schö­ne Momen­te auf­zu­neh­men. Die abnehm­ba­ren Hosen­bei­ne? Falls es mal warm wird. Der Regen­schirm? Falls es mal reg­net. »Aber wir sind doch nicht aus Zucker.« wie­der­hol­te er einen Satz, dem ihm wahr­schein­lich sein Erzie­hungs­be­rech­ti­ger ein­trich­ter­te. Bis dahin war es auch mein Lieb­lings­spruch. Aber nun ant­wor­te­te ich »Nach drei Tagen Dau­er­re­gen sind wir sehr wohl aus Zucker. Der Regen­schirm ist dann mein bes­ter Freund.« (Pst, ich hat­te bis dato noch kei­ne Minu­te Regen gehabt 😉 )

Am Ende des Dorfs wink­ten wir uns über einen Kilo­me­ter abschieds­wei­se zu, über die Zukunft des ande­ren nach­den­kend. “Und ver­giss nicht, was Frau Leh­re­rin Har­te sagt: Wenn es brennt in der Schu­le, _​sofort_​ bei jeman­dem Bescheid geben.” waren mei­ne letz­ten Wor­te. An Kilo­me­ter 2 die­ses Stra­ßen­stücks bog mein Weg nach rechts in den Wald ab. Ich blick­te noch­mal zurück. Er stand immer noch da.

Über eini­ge Fel­der­we­ge… und Wirt­schafts­we­ge… pas­sier­te ich mehr und mehr Häu­ser. Wit­ten­berg mit Bür­ger­stei­gen! Juhu! Und eine Über­ra­schung! Die Her­ber­ge in Wit­ten­berg (Glo­eck­ner­stift) war: leer. Ich gewöhn­te mich lang­sam dar­an. Ich war der ein­zi­ge Pil­ger in einem 20 Zim­mer gro­ßen Gebäu­de auf einem wahr­schein­lich 1 Hekt­ar gro­ßen Grund­stück. Es fühl­te sich ein biss­chen an wie das Hotel im ver­schnei­ten Colo­ra­do, in dem Jack Nichol­son ver­rückt wur­de. Auch waren die Coro­na-Regeln hier am strengs­ten, mit exak­ten Work­flows und Rei­ni­gungs­ab­läu­fen, ver­schie­de­nen Def­in­fek­ti­ons­mit­tel­chen und Müll­trenn­re­geln. Frei­lich war nie­mand da, die Ein­hal­tung der Regeln zu prü­fen. Das gefiel mir trotz­dem, denn hier wur­de das Virus anschei­nend gebüh­rend behan­delt und nicht so lari­fa­ri wie ande­ren­orts, inklu­si­ve zu Hau­se in Ber­lin.

In Wit­ten­berg war dann alles noch­mal völ­lig anders. (Viel­leicht ging es bei sol­chen Wan­der­schaf­ten um die­sen Umge­bungs­wech­sel?) Jetzt gab es nicht nur ande­re Hügel und Stra­ßen­lay­outs, son­dern als Bonus oben drauf eine Men­schen­art, die ich seit dem Bran­den­bur­ger Tor nicht mehr gese­hen hat­te: Tou­ris­ten. Mas­sen von Tou­ris­ten! Als wäre Wit­ten­berg das Schloss Neu­schwan­stein von Sach­sen-Anhalt oder Dis­ney­land in Paris oder Orlan­do oder eine Stadt, in der Reli­gi­ons­re­for­mer wag­hal­si­ge The­sen an Schloss­kirch­tü­ren nagel­ten. Ver­rückt!

Die Innen­stadt war archi­tek­to­nisch sehens­wert, Gebäu­de und Kir­chen wun­der­schön und, natür­lich das wich­tigs­te: Luther! Frei­lich waren all die­se Men­schen hier, um etwas von Luther zu sehen. Und das hat­te selbst auf Jakob einen so star­ken Ein­fluss, dass der Jakobspil­ger für die Fort­set­zung süd­lich von Wit­ten­berg nicht mehr der Muschel folgt son­dern dem kur­si­ven L (für Luther­weg). Ich erin­ner­te mich an mei­ne Recher­che: Das Ziel der Rou­ten­pla­ner war, die Wege nach Sport­art (Wan­dern, Rad­fah­ren, SUV-Fah­ren) zu tren­nen. Sei’s drum, wie­der kei­ne ech­te Via Impe­rii.

Also hol­te ich mir erst mal einen wit­ten Wein, aß dazu im höl­zer­nen Vier­mann­zim­mer einen Wit­ten­bur­ger mit Pom­mes Rot-witt und wun­der­te mich über die kurio­sen Deals der Reli­gi­ons- und Gemein­de­ad­mi­nis­tra­tio­nen und der Unter­künf­te. Die Pil­ge­r­infra­struk­tur war schon bewun­derns­wert. Befand man sich erst­mal auf stär­ker fre­quen­tier­ten Rou­ten, reis­te man tat­säch­lich zu einem Bruch­teil der übli­chen Logis­ge­büh­ren durchs Land — ganz im Sin­ne des Pil­gerns, auf einer Mis­si­on Got­tes zu sein, dem Luxus der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on ver­sa­gend, in Kas­tei­ung überlebend. Ächz! Letz­tes Weiß­bier plopp, noch ein, zwei wei­ße Trüf­fel und wei­ßen Kavi­ar auf Weiß­brot vom Deli­ka­tes­sen­tou­rila­den um die Ecke. Gute Nacht. Ach. das. Pil­ger­le­ben… toll :). 

»Ear­ly to rise and ear­ly to bed makes a man healt­hy but social­ly dead.« Das par­ty- und gesell­schaft­li­che gespräg­te spä­te Zubett­geh- und Auf­steh­zei­ten aus den 20er- und 30er-Jah­ren schaf­fe ich schon län­ger nicht mehr. Und auf die­ser Wall­fahrt zu sein brach­te mich so nah an einen ursprüng­lich, ja von der Son­ne gepräg­ten Ryth­mus wie sel­ten. Das mit dem Mor­gen­son­nen­licht erzähl­te ich ja schon, und so freu­te ich mich jeden Abend auf den nächs­ten Mor­gen. Um 20 Uhr war Schluss…

Nanu?

Was ist das?

Ich kann ja ein­fach so hier lie­gen? Und ein­schla­fen? 

Etwas ist anders!

Kei­ne Mücken!!

Eine lan­ge ruhi­ge Nacht, herr­lich. …bis um 6 Uhr. Das ging nun so schon meh­re­re Tage. Wit­ten­berg war kei­ne Aus­nah­me. Der kleins­te Hel­lig­keits­un­ter­schied im Nacht­him­mel war, als schien man mir eine grel­le Taschen­lam­pe ins Gesicht. 

Also wei­ter, auf den JakobsLuther-Weg Rich­tung Berg­witz. Wie­der mal ein beson­ders kur­ze Etap­pe. Aber fühl­bar deut­lich näher am Ziel, und mit eini­gen beson­ders inter­es­san­te topo­lo­gi­schen Beson­der­hei­ten. Näm­lich der höchs­ten Stel­le die­ser Wan­der­schaft! Ech­te Höhen­me­ter seit Ber­lin!! 

Alles über die Höhen­me­ter in Teil 3: Von Wit­ten­berg nach Leip­zig :).

Buen Cami­no! 🙂

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