8BitPapa

Ein Babyfoto tut doch niemandem weh

Da haben wir ein Mal kurz nicht nach­ge­dacht und schon war es gesche­hen: Wir haben unser Baby ver­kauft. Nein, nicht an ein kin­der­lo­ses Paar mit Blaue-Augen-Fetisch. Son­dern ans Inter­net, super­nied­lich, unzen­siert, und gera­de­wohl vor­bei an Freun­den und Fami­lie. Für eine Hand­voll Likes und Fol­lo­wers.

[Bei­trag zur Blog­pa­ra­de »Kin­der­fo­tos im Netz« der Eltern­in­itia­ti­ve »Schau hin!«]

Unse­re Erfolgs­sto­ry begann mit dem Geburts­fo­to. Eine Stun­de nach der Nie­der­kunft lag er, noch in Käse­schmie­re gehüllt, auf mei­ner stol­zen Vater­brust. Fast so wie vor­her bei sei­ner Mut­ter, nur ohne Milch. (Das macht man inzwi­schen so wegen des Bon­dings.) Da dach­te ich mir »Hey, das war jetzt aber eine ganz schö­ne Leis­tung. Die gan­ze Nacht, den gan­zen Mor­gen, mit Händ­chen­hal­ten, gemein­sa­mem Schnau­fen und ein­ge­bil­de­ten Soli­da­ri­täts­we­hen. Und jetzt ist er da, der wahr­schein­lich nied­lichs­te Nach­wuchs der Welt.« Und weil ich gera­de kei­ne 250 Gruß­kar­ten zur Hand hat­te, lag es nahe, einen Dop­pel-Sel­fie auf Face­book zu pos­ten.

»Wel­co­me onboard, (Name vom Gesun­den Men­schen­ver­stand ent­fernt), * 6.9.2017, 8:35 Uhr, alle gesund und mun­ter, jetzt ist mei­ne Ren­te sicher.« froh­lock­te ich.

Der Lohn kam prompt: 222 Dau­men hoch, 200 Glück­wunsch-Kom­men­ta­re, 2 eifer­süch­ti­ge-Exfreun­din­nen­kom­men­ta­re und noch mehr Ermun­te­run­gen von 2 Dut­zend Leu­ten, die ich gar nicht kann­te. »Genießt die Zeit. Sie wer­den ja sooo schnell groß!« und »End­lich ein Pro­jekt mit Hand und Fuß!« hieß es da. Es war herr­lich. – Unser fleisch­ge­wor­de­nes Ticket für eine nie­mals enden­de von allen gelieb­te Foto­se­rie.

Ruck­zuck war die pas­sen­de Family&Friends-WhatsApp/Telegram-Gruppe ein­ge­rich­tet, die wir kur­zer­hand Baby­spam nann­ten, denn das war es auch: das Baby beim Essen, beim Trin­ken, beim Wickeln, beim Spie­len, beim Stram­peln, beim Vor­wärts­rob­ben, beim Rück­wärts­rob­ben, beim Links­auf­den­bauch­dre­hen und beim Rechts­auf­den­bauch­dre­hen, mal mit Blau­beer-, mal mit Kirsch­sch­nu­te, ges­tern im mono­chro­men Body mit dem Brül­ler­auf­druck Storm­po­oper, heu­te mit Pol­ka­dots und wage­mu­ti­gem Slo­gan Papa­kind. Und das Publi­kum war begeis­tert. »Mann ist der nied­lich!« ermu­tig­ten sie, und »Mehr Spam! Mehr Spam!«.

Wo nach Foto­spam ver­langt wird, da ist frei­lich Insta­gram nicht weit. In aktu­el­ler Insta­gram-Tra­di­ti­on bau­ten wir das Wohn­zim­mer etwas um, damit sich die Bil­der bes­ser aus­leuch­ten lie­ßen. Unse­re Woh­nung erweck­te nun den Anschein, hier wür­de gar kein Baby woh­nen, son­dern eine Fami­lie, die jeden Tag alle Zim­mer staub­saugt und durch­wischt und neue Lei­nen­bett­wä­sche bezieht. Die Spiel­zeu­ge, Spuck­tü­cher, Schnul­ler, Rat­ge­ber-Fly­er, Ober­teil­chen, Baby-Ein­zel­so­cken, Kle­enex-Spen­der, Feucht­tü­cher und Nasen­sau­ger wur­den in dunk­le Ecken ver­bannt. Blei­ben durfen: Luxus-Stoff­tie­re, Muscheln, Duft­ker­zen und die Aus­ga­be eines kos­mo­po­li­ti­schen Eltern­ma­ga­zins — alles prä­zi­se auf Side­boards und dem unrea­lis­tisch lee­ren Ess­tisch arran­giert (der vor­her eigent­lich Pro­jekt­tisch hieß und auch so aus­sah). Dazwi­schen ein sau­be­res Deck­chen ohne Fus­sel auf dem Boden, dar­auf der Nach­wuchs in hip­pen Kla­mot­ten. Denn ein Halb­jäh­ri­ger in einer ech­ten Levis, mit Steiff-Pul­lun­der und Baby-Con­ver­se-Snea­kers sieht gleich dop­pelt so nied­lich aus. Die Fotos schos­sen wir übri­gens vom Fern­se­her weg in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Weil wir doch so moder­ne Eltern sind, die nie­mals auf die Idee kämen, mit Chips­tü­ten und Six­pack auf der Couch zu lüm­meln, um sich ohne Unter­bre­chung drei Fol­gen »The Orvil­le« rein­zu­zie­hen.

»Das arme Baby« lau­te­te der Insta­kom­men­tar von helikopterundvollzeitmami95, aber von wegen. Unser Nach­wuchs freu­te sich wie ein Schnit­zel und lach­te über alle vier Backen, wenn ich die Kame­ra­aus­rüs­tung her­aus­kram­te und Key und Fill Lights auf­stell­te. Denn das Ram­pen­licht war min­des­tens so kusch­lig warm wie der Wickel­tisch-Heiz­strah­ler. Frau 8BitPapa trug noch eine fei­ne Schicht Puder auf sein Gesicht auf; dann etwas Rouge auf die Wan­gen, ein Paar blaue Kon­takt­lin­sen ein­ge­setzt und die Wim­pern­ver­län­ge­run­gen auf­ge­klebt für das per­fek­te Kind­chen­sche­ma – fer­tig ist das Ins­ta­ba­by. Die Foto­ses­si­ons brauch­ten natür­lich ihre Zeit, aber da war ich immer wie­der erstaunt, wie viel Urin und Stuhl so eine moder­ne Win­del doch auf­neh­men konn­te. Geheim­tipp: mit zusätz­li­cher Stär­ke im Baby­brei wer­den die Exkre­men­te fes­ter und sel­te­ner. Das ver­trägt er schon.

Nach den ers­ten 1.000 Baby-Fol­lo­wern gings dann noch schnel­ler. Die Frucht unse­rer Len­den wuchs zum jüngs­ten Influ­en­cer sei­ner Genera­ti­on her­an, und so instal­lier­ten wir eine 24/7-Web­cam für die Fans. Auf dass nie­mals ein wert­vol­ler Baby­mo­ment ver­lo­ren gin­ge. Da kam uns der »The Real Life«-Trend gera­de recht, denn Win­del­wech­sel­fo­tos und Bade­wan­nen­vi­de­os waren stark im Kom­men, beson­ders die nacki­gen. Über­haupt alles, was nicht gestellt, son­dern mög­lichst lebens­echt wirk­te.

Ob das dem erwach­se­nen Ich unse­res Babys viel­leicht irgend­wann pein­lich wer­den könn­te? Nicht nach unse­rem Plan. Sicher wür­de er eines Tages nach­fra­gen, auf wel­chem Bild man sei­nen Pul­ler­mann als aller­ers­tes sah. Und er wür­de stolz dar­auf sein und sei­nen Freun­den zei­gen.

Außer­dem hagel­te es in Fol­ge sei­nes Medi­en­erfolgs Anfra­gen von Win­del- und Bei­kost­her­stel­lern, die das Kon­ter­fei unse­res Soh­nes lie­bend ger­ne auf ihren Schach­teln sähen. Was für eine Ehre! Sind es nicht Deutsch­lands, ja wer weiß, viel­leicht sogar inter­na­tio­nal die nied­lichs­ten Babys, die einen auf der Win­del­pa­ckung ent­ge­gen­strah­len? Und wer wäre als Erwach­se­ner nicht stolz dar­auf, mal Kin­der- oder Baby­star gewe­sen zu sein. (Außer natür­lich der Schau­spie­ler, der Ana­kin in Star Wars Epi­so­de I spiel­te.)

Inzwi­schen häuf­ten sich nicht nur die Fan­brie­fe und Anfra­gen kin­der­lo­ser Paa­re. Denn dum­mer­wei­se muss­ten wir im Impres­sum unse­rer Baby­fan­sei­te die ech­te Post­adres­se ange­ben. Wegen des Daten­schut­zes, damit Web­site­be­su­cher genau wis­sen, wohin sie einen Brief adres­sie­ren müs­sen, um nach­zu­fra­gen, was denn genau mit ihren IP-Adres­sen pas­siert. Die Fol­ge: Oppor­tu­nis­ten ver­sam­mel­ten sich vor unse­rem Haus, um laut­stark für eige­ne Pro­jek­te und Mei­nun­gen zu wer­ben.

Neu­lich ging es z. B. um das Recht am eige­nen Bild. Ich glau­be, damit ist gemeint, dass unser Sohn von jedem Foto, das wir bei einer Wer­be­kam­pa­gne ver­kau­fen, eine Kopie für sein per­sön­li­ches Archiv erhält. Dem waren wir mit Insta­gram und Co. frei­lich meh­re­re Nasen­län­gen vor­aus, denn das Inter­net »ver­gisst« ja nichts. Per If this then that wur­den die Baby­fo­tos zeit­gleich an alle ande­ren sozia­len Kanä­le gepos­tet; die wich­tigs­ten zumin­dest: Twit­ter, Face­book und Pin­te­rest. Denn Reich­wei­te zählt. (Anmer­kung des Gesun­den Men­schen­ver­stands: Das Recht am eige­nen Bild besagt frei­lich etwas völ­lig ande­res: Dass näm­lich jeder Mensch bestim­men darf, ob und wie Bil­der von ihm ver­öf­fent­licht wer­den. Jeder Mensch. Auch Babys und Kin­der. Theo­re­tisch. Hm.)

Wir machen uns nun Sor­gen, dass die­se glor­rei­che Zeit irgend­wann ein Ende haben wird. Dass die Fett­pöls­ter­chen lang­sam ver­schwin­den, die Bei­ne gera­de wach­sen und er in den Stimm­bruch kommt, eine Band grün­det und Pin­gui­ne in der Ant­ark­tis ret­tet. Aber zum Glück gibt es gegen alles ein Mit­tel­chen, nächs­te Woche geht’s zum Schön­heits­chir­ur­gen. Von wegen »Sie wer­den ja so schnell groß«.

Euer 8BitPapa

(Apro­pos, das Geburts­fo­to gibt’s wirk­lich: Schluss mit lus­tig! Jetzt wird gebo­ren)


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