8BitPapa
Eine deutsche Zukunft mit kinderfreien Zonen

Eine deutsche Zukunft mit kinderfreien Zonen

So schlimm ist die Gegenwart ja nicht, aber Vorsicht!

Sei­te wei­ter­emp­feh­len oder spä­ter weiterlesen

Erin­nern Sie sich an die Zeit, als Kin­der ein­fach so frei her­um­lau­fen durf­ten? Zum Bei­spiel in Restau­rants? Das nicht enden wol­len­de Gequen­gel und Geschrei, Stüh­le­her­um­rü­cken und Zwi­schen­den­ti­schen­lau­fen, man ver­stand sein eige­nes Schmat­zen nicht mehr. In der U‑Bahn und im Bus gab es zur Mit­tags­zeit kei­ne frei­en Plät­ze, und Park­be­su­che waren die Höl­le. Pene­tran­tes Lachen über­all, und »Ent­schul­di­gung, schie­ßen Sie den Ball ein­fach zurück?«, wenn man eigent­lich sei­ne Ruhe haben woll­te. Das waren schlim­me Zeiten.

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Aber zum Glück gibt es inzwi­schen kin­der­freie Zonen.

Der Haken: Wir leben seit eini­ger Zeit auf der ande­ren Sei­te des Kin­der­zo­nen­kon­flikts. Unser Sohn ist 17 Mona­te alt, erforscht sei­ne Umge­bung unbarm­her­zig und ist dabei so neu­gie­rig wie ein ein­ein­halb Jah­re altes Baby. Er zieht alles Greif­ba­re vom Tisch, schiebt Stüh­le neben Kom­mo­den und krab­belt auf absicht­lich fern von Kin­der­hän­den plat­zier­te Ober­flä­chen und zieht Schub­la­den mit lebens­ge­fähr­li­chen Werk­zeu­gen auf. Zu Hau­se lässt sich die Neu­gier und Ener­gie noch kana­li­sie­ren. Aber unter­wegs? Drau­ßen? In Deutsch­land? Undenk­bar. Des­halb ver­las­sen wir nur noch ganz sel­ten die Woh­nung. Wenn es unbe­dingt sein muss. 

Zum Bei­spiel an einem Sams­tag, wenn wir die Groß­el­tern im »Kinder-geduldet«-Café Par­fois Petit­grand tref­fen. End­lich mal raus aus der Bude.

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Der Wecker krab­bel­te. End­lich Sams­tag. Wir zuck­ten mit den Schul­tern, scho­ben Baby­fü­ße bei­sei­te und fan­den uns damit ab, dass wir auch an die­sem Wochen­en­de zusam­men mit Amseln und Zilpzal­pen auf­ste­hen wür­den. (Aus­schla­fen ist ein Kon­zept, das Kin­der erst mit der Ein­schu­lung ver­ste­hen.) Wozu also die Mor­gen­rou­ti­ne ändern, wenn sie doch schon werk­tags so gut funk­tio­nier­te, wenn wir auf kei­nen Fall unse­ren Spa­zier-Slot zur Kita ver­pas­sen durf­ten? Asyn­chron duschen, anzie­hen, und rasch sein ers­tes Früh­stück zube­rei­ten, denn ein essen­der Kin­der­mund ist ein zufrie­de­ner Kin­der­mund. Dann den Klei­nen online ein­che­cken, dass er noch leb­te und bei uns wohn­te, wickeln, ein­cre­men, Vit­amin-D-Trop­fen, zwei­tes Früh­stück, noch­mal wickeln, Zäh­ne­put­zen, und, wie bit­te, das ist nicht dein Ernst, noch­mal wickeln. Schließ­lich noch die grell­ro­te Kin­der­uni­form mit dem grell­gel­ben Kreis auf der Brust anzie­hen, die Pas­san­ten und Ver­kehrs­teil­neh­mern auf den für Kin­der frei­ge­ge­be­nen Stra­ßen schon früh warnt, was da auf sie zukommt. Wir sagen dem Klei­nen dann immer, das ist ein Superheldenanzug.

Wir woh­nen in einem zwei­stö­cki­gen Apart­ment­haus in einer klei­nen Sei­ten­stra­ße, die eigent­lich kin­der­frei ist. Die Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung erhiel­ten wir wegen mei­ner Krank­heit, ein Umzug ist zum jet­zi­gen Zeit­punkt unzu­mut­bar — Glück im Unglück. Dafür müs­sen wir aller­dings ein paar Abstri­che machen. Nichts Schlim­mes. Fahr­rad­an­hän­ger und Bug­gy wer­den jeden Tag in den Kel­ler gebracht. Und das Trep­pen­stei­gen üben wir bes­ser woan­ders, denn so lan­ge wie der Klei­ne braucht, mit sei­nen fort­wäh­ren­den Kom­men­tie­run­gen »Trap­pa tai­gen«, sorg­te der Auf­stieg schon für so man­che Ruhe­stö­rungs­ermah­nung (8 haben wir schon, bei 12 kommt das Kin­der­amt). Auch müs­sen wir nachts die Fens­ter geschlos­sen hal­ten, damit kein spon­ta­ner Kin­deral­btraum­auf­wach­schrei nach außen dringt. Im Som­mer ist das eine Her­aus­for­de­rung. Dafür haben wir aber unser eige­nes Reich im Dach­bo­den, mög­lichst iso­liert von den Nach­barn, in dem sich der Klei­ne fast wie in einem nor­ma­len Zuhau­se, ein biss­chen ruhi­ger eben, aus­le­ben kann.

Die­sen besag­ten Sams­tag lief alles wie am Schnür­chen. Ich hol­te den Bug­gy aus dem Kel­ler, wäh­rend mei­ne Frau mit dem Klei­nen zur Haupt­stra­ße eil­te, um dort end­lich sei­nen Kne­bel her­aus­zu­neh­men. Dort war­te­ten wir auf den Bus der K‑Linie, die lei­der etwas sel­te­ner fuhr und dop­pelt so teu­er war. Ein Vor­teil aller­dings: Hier waren wir sicher vor mür­ri­schen Zeit­ge­nos­sen, die so gar nichts mit Kin­dern anfan­gen konn­ten und sei­ner­zeit sicher die AGK, die Alter­na­ti­ve gegen Kin­der, gewählt hat­ten. Doch aus der Bus­fahrt wur­de nichts. Wie unse­re App Green Kin­der-Book mel­de­te, gab es heu­te logis­ti­sche Pro­ble­me mit den Öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und alle Extra­bus­se wur­den der Ü65-Linie zuge­wie­sen. Zurecht, denn die älte­ren Mit­bür­ger hat­ten grö­ße­re Han­di­caps mit dem Lau­fen als wir. Wie wird das wohl gehand­habt, wenn man als Oma oder Opa mit dem Enkel unter­wegs ist? Darf man dann auch einen Ü65 benut­zen? Ich glau­be nicht.

Zum Café muss­ten wir eini­ge Umwe­ge in Kauf neh­men, zum Glück gab es aber inzwi­schen pas­sen­de Over­lays für Goog­le Maps: Neben den Auto‑, Bus- und Fahr­rad-Icons ist ein klei­ner Bug­gy hin­zu­ge­kom­men. Das haben sie schön gemacht. Es vibriert und trö­tet auch ein lau­ter Alarm, wenn das inter­ne GPS fest­stellt, dass man eine Kin­der­zo­nen­gren­ze über­schrei­tet, tol­le Sache. Wir betrach­te­ten die Extra­ki­lo­me­ter als prak­ti­schen Extra-Workout.

Das Par­fois Petit­grand war ein typi­sches »Kin­der-gedul­det«-Café in unse­rer Gegend. Denn die rei­nen Kin­der-Cafés waren den rei­nen Kin­der­vier­teln vor­be­hal­ten, in Ber­lin Prenz­lau­er Berg Nord, im ent­le­ge­nen Tel­tow Süd und in der berühm­ten Kin­der­gas­se in Kreuz­berg. Dort zu leben, ist sicher auch kein Zucker­schle­cken, aber wenigs­tens war man unter sich und die Aus­gangs­sper­ren waren etwas groß­zü­gi­ger. Im Par­fois Petit­grand waren Kin­der wenigs­tens zwi­schen 9 und 11 Uhr im hin­te­ren Gast­raum gedul­det. Wir hat­ten sogar Sitz­plät­ze, denn der Öffi-Not­stand hin­der­te heu­te vie­le Eltern beim Aus­ge­hen. Oma und Opa hat­ten dies­be­züg­lich ja Glück und waren schon da, schlürf­ten Lat­te Mac­chia­to und zück­ten ihre Foto­han­dys, als wir hereinkamen. 

»Schön euch wie­der­zu­se­hen! Hal­lo klei­ner Mann, du bist ja groß gewor­den! Seid Ihr gut her­ge­kom­men? Die Busse…«

»Ja, das häuft sich in letz­ter Zeit. Halt ein biss­chen mehr Sport.«

Wir befrei­ten unse­ren Sohn aus sei­nem Signal­an­zug und er erkun­de­te prompt den Raum. Auf Kin­der­au­gen­hö­he befan­den sich Bücher­re­ga­le und Wän­de mit Holz­in­stal­la­ti­on zum Her­um­grab­beln, ‑schie­ben und ‑dre­hen, wie frü­her. In einer Ecke stand sogar ein klei­ner run­der Tisch mit Mal­sa­chen und Zwer­gen­stüh­len drum­her­um. Wir hat­ten wirk­lich Glück mit die­sem Café.

»Es wird immer müh­sa­mer für euch, hm?”

»Ja. Letz­te Woche wur­den die Auf­la­gen noch­mal erhöht. Die­sen Monat sind wir sogar schon mit dem Kin­der­geld im Rückstand.«

»Wenn Ihr Unter­stüt­zung braucht, Ihr könnt jeder­zeit kom­men. Ohne den Klei­nen halt.«

»Dan­ke, das wis­sen wir zu schätzen.«

Die Oma hielt ihr Foto­han­dy hoch, als der Aus­räuma­tor wie­der zurück zur Hei­mat­ba­sis kam, um von sei­nen neu­es­ten Ent­de­ckun­gen zu berich­ten. Er nasch­te von sei­ner Bre­zel und prä­sen­tier­te sei­nen neu­es­ten, unglaub­li­chen Schatz, ein altes Kin­der­buch vor Omas Handyobjektiv.

»Wil­helm, mein Upload-Fil­ter löscht schon wie­der alle Bilder.«

»Zeig mal. Aja, du musst das Häk­chen bei ‘Enkel’ set­zen und mit dei­nem Fin­ger­ab­druck bestätigen.«

Wir öff­ne­ten das Buch zusam­men mit dem Klei­nen, aber jemand hat­te alle Wör­ter über­klebt. Also blät­ter­ten wir nur ein biss­chen durch die Sei­ten. Es war die Geschich­te eines Mäd­chens, das vie­le Bücher las, auf jeder Sei­te ein ande­res, im Park, in Kin­der­gar­ten, auf dem Spie­platz. Immer wie­der wur­de sie fast vom Ord­nungs­amt dabei erwischt. Sie kürz­te ihre Haa­re, um wie ein Jun­ge aus­zu­se­hen, aber am Ende wur­de sie trotz­dem erwischt.

Mit­ten­drin bemerk­ten wir, wie es um uns her­um unru­hig wur­de. Auf der ande­ren Sei­te des Raums kon­trol­lier­te eine Patrouil­le des Kin­der­amts die Tische und scann­te Kind für Kind. Schnell scho­ben wir das Kin­der­buch unter ein Sitz­pols­ter, wor­auf­hin unser Sohn laut­stark pro­tes­tier­te. Pst!

»Wir gehen jetzt bes­ser. Noch ein Ticket kön­nen wir uns nicht leisten.«

»Hier ist noch etwas Scho­ko­la­de für den Klei­nen. Schnell, schnell. Das bekommt nie­mand mit.«

Drau­ßen lie­ßen wir es mög­lichst ruhig ange­hen, um kei­ne Auf­merk­sam­keit zu erre­gen. Der Klei­ne woll­te auch mal den Weg bestim­men und die Welt um sich her­um ken­nen­ler­nen, war­um nicht. Also inspi­zier­te er Trep­pen, Tür­schil­der, Gul­li­de­ckel und Blät­ter­hau­fen. Und so ver­ga­ßen wir die Zeit, wäh­rend wir ihn beob­ach­te­ten, und ver­pass­ten die Mit­tags­sper­re, die am Wochen­en­de stren­ger gere­gelt wur­de. Wir hör­ten schon die Kin­der­fän­ger mit ihren ver­lo­cken­den Eis­creme­wa­gen auf­fah­ren, zwi­schen den Häu­sern hall­ten lieb­li­che Glo­cken­spiel­me­lo­dien. Wir lie­fen schnel­ler, lie­ßen den trä­gen Bug­gy zurück und tru­gen den Klei­nen am Kör­per, unter der Jacke ver­steckt. Nah­men Abkür­zun­gen über Kin­der­ver­bots-Stra­ßen, wäh­rend unse­re Smart­pho­ne Alarm schlu­gen. Und erreich­ten end­lich unser trau­tes Heim. Pst, leise.

Wir beglei­te­ten den Klei­nen in sei­nen Mit­tags­schlaf und grü­bel­ten nach, über die Ver­gan­gen­heit, die Situa­ti­on, die Zukunft. War es Zeit, auf­zu­ge­ben? Hät­ten wir die Zei­chen frü­her erken­nen müs­sen? Alles begann mit öffent­lich­keits­gei­len Restau­rant­be­sit­zern, die sich mit Zei­tungs­schlag­zei­len mehr Gäs­te, eine ganz beson­de­re Ziel­grup­pe, erhoff­ten. »Restau­rant ver­wei­gert Kin­dern den Zutritt.« Was waren die Stim­men laut; wie bei der NSA-Affä­re und Arti­kel 13. Aber letz­ten Endes unter­nahm nie­mand irgend­et­was; nur ein paar Blog­ger schrie­ben sich die Fin­ger wund. Viel­leicht soll­ten wir erst­mal einen unauf­fäl­li­gen Urlaub pla­nen, in einem kin­der­freund­li­chen Land? Es war frei­lich schwie­rig, geeig­ne­te Ange­bo­te zu fin­den; abseits von nokiddo.de und exbebia.com, jetzt da die meis­ten Pau­schal­rei­sen über die Nur­Air­Wach­sen Air­line ver­mit­telt wur­den. Grie­chen­land galt als Geheim­tipp. Was für ein Glück, dass wir als Deut­sche hier einen Stein im Brett hatten.

— 🕹 —

Die­ser Text ent­stand auf­grund öffent­lich gewor­de­ner Stim­men, es sei doch gar nicht schlimm, ja sogar erhol­sam, Kin­der aus Berei­chen unse­res Lebens weg­zu­sub­tra­hie­ren, kin­der­freie Zonen zu schaf­fen. Das Aus­blen­den und Wegi­gno­rie­ren von Unter­grup­pen unse­rer Gesell­schaft ist ein so gutes Kon­zept, dass es sich seit Jahr­hun­der­ten bewährt hat, damit es dem grö­ße­ren Teil der Gesell­schaft gut geht. Nach Bojo­ra­nern mit ihrer frem­den Reli­gi­on, Ando­ria­nern mit ihrer blau­er Haut und Feren­gi mit ihren unge­wöhn­li­chen Sexu­al­prak­ti­ken, erwischt es nun klei­ne Homo sapi­ens. Denn die sind laut, stin­ken, und wol­len die gan­ze Zeit, dass wir ihnen etwas zei­gen oder sie beju­beln. Und sie sind ein­fach nur ner­vig. Wel­che *frei­en Zonen kom­men als nächstes?

Euer 8BitPapa

Dies ist ein Arti­kel zur Blog­pa­ra­de
›Kin­der­freie Zonen‹ beim Maga­zin eltern.de

P. S. Ich wur­de so spät Papa, weil ich mich die letz­ten 30 Jah­re größ­ten­teils in schon exis­tie­ren­den kin­der­frei­en Zonen auf­hielt. Ohne es zu wol­len oder es zu wis­sen. Es waren ein­fach nir­gends Kin­der, außer bei der Oma oder der Tan­te, oder, wenn man zu früh auf der Eis­lauf­bahn sei­ne Run­den dreh­te oder im Frei­bad Freun­de traf. Jetzt bin ich Vater, einer mit grau­en Haa­ren und kaput­ten Knien, und ich bereue es, das Kin­der­ha­ben so spät ken­nen und lie­ben zu lernen.

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